Nachdem es im ersten Teil um Normierung und deren Bezug zu Kollektiven erläutert habe, möchte ich zunächst den vorherigen Artikel noch durch ein praktisches Beispiel ergänzen.


„Bei Grenzstreitigkeiten gelang es unseren Truppen den Aggressor auf sein eigenes Territorium zurückzudrängen und zu zerschlagen. Dabei musste einer unserer tapferen Soldaten sein Leben lassen. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.“

So, oder ähnlich könnte eine Pressemitteilung aussehen. Um jetzt mal unsere „Normschablone“ anlegen zu können wählen wir zunächst einmal die Witwe als Bezugspunkt aus. Das Verhalten des Aggressors ist „Böse“ und hat ihren Mann und den Vater zweier Kinder getötet.
Die Bewertung der Situation ist von persönlicher Betroffenheit geprägt somit reduziert sich das zu bewertende Ereignis auf den gewaltsamen Verlust ihres Gatten und Vater ihrer Kinder.
Verändern wir jetzt doch einmal den Bezugspunkt und wählen das Kollektiv „Staat“ aus.
Wie sieht die Bewertung der Situation hier aus? Das Verhalten des Aggressors ist sowieso Böse. Die Gesamtsituation und vor allem das Ergebnis wird aber als gut bewertet, nicht weil die Grenzen verteidigt wurden, sondern weil man durch den Angriff die Legitimation postulierte ein dauerhaftes Ergebnis zu erzielen. Daher wurde es auch nicht bei der Verteidigung der eigenen Grenze belassen.

Zum einen ändert hier die Veränderung des Kollektivs die zugrunde gelegten Normen, aufgrund derer eine Situation bewertet wird, zum anderen ändert der Betrachtungswinkel, wozu sowohl eine Änderung des Bezugspunktes als auch eine Änderung der Ereigniskettengrösse zählen, was letztendlich zu völlig unterschiedlichen Be-Wertungen führt.

Spinnen wir die obige Situation einmal weiter, verändern dabei aber die Handlungskette.

„Der Soldat wird nicht getötet und kehrt nach Hause zurück.“

Nach seiner Rückkehr ist seine Frau glücklich stolz auf ihren „guten“ Mann, weil er sie und seine Familie durch seinen Einsatz beschützt hat.
Hier ändert sich die Wertung, weil sich das Ergebnis des Ereignisses geändert hat.
Die von der Frau angelegten Normschablonen beziehen sich nicht nur auf das Kollektiv ihrer eigenen Persönlichkeit, sondern auch auf das Kollektiv „Familie“.
Für das Kollektiv „Staat“ ändert sich nichts an der Be-wertung des Ereignisses.

Die Frau des Soldaten nimmt hier also unterschiedliche Bezugspunkte ein und Be-wertet mit den Normen unterschiedlicher Kollektive, welche durch den großen persönlichen Bezug zwar indifferent sein dürften, aber dennoch sind sie unterschiedlich in ihrem Erfassungsbereich und ihrer Ausdehnung.

Damit sind wir aber noch nicht am Ende angekommen. Verändern wir die Situation nicht weiter, fügen aber weitere Detailinformationen hinzu.

„Während seines Einsatzes vergewaltigt der Soldat, wie viele seiner Kameraden, die Frauen des Gegners und steckt sich dabei mit einem tödlichen Virus an. Das Dorf wird anschließend niedergebrannt und die überlebenden Bewohner allesamt erschossen.“

In Unkenntnis dieser Vorfälle ändert sich für die Kollektive „Ehefrau und Familie“ nichts an der Be-Wertung des Ereignisses. Der Soldat schläft weiterhin mit seiner Frau, zeugt ein weiteres Kind und steckt seine Frau dabei mit dem tödlichen Virus an. Letztendlich stirbt die Ehefrau an der tödlichen Virusinfektion.
Für das Kollektiv „Staat“ ändert sich nichts an der Be-wertung des Ereignisses.

„Ein Kriegsberichterstatter berichtet von den Greul-taten der „Verteidiger des Vaterlandes“.“

Die Ehefrau ist entsetzt und wirft ihren Gatten nach seiner Heimkehr aus dem Haus. Sie schläft selbstredend nicht mehr mit ihrem Gatten, bekommt kein weiters Kind von ihm und steckt sich demnach auch nicht mit dem tödlichen Virus an.
Hier ändert sich die Be-Wertung des Ereignisses allein durch die zusätzlichen Informationen, denn obwohl der Soldat immer noch Frau und Kinder „beschützt“ hat fällt durch die Be-Wertung der Begleitumstände ein völlig anderes Urteil.
Für das Kollektiv „Staat“ ändert sich nichts an der Be-wertung des Ereignisses, aber die beschuldigten Soldaten werden angeklagt.

Hier ist die Ambivalenz der Ereignisse Grund für die Abwägung der Ergebnisse der unterschiedlichen Normschablonen. Hier liegen zwei Ergebnisse vor die unterschiedlich gewertet werden, von denen aufgrund des Bezugspunktes (Persönlichkeit), die persönliche Betroffenheit der entscheidende Faktor bei der Be-Wertung ist. Der Schutz der Familie geht in der Be-Wertung vollkommen unter, oder wird gar nicht mehr berücksichtigt, weil sich das betrachtete Ereignis verändert hat. Staat und Ehefrau betrachten und Be-Werten hier unterschiedliche Ereignisse.

Diese Ketten ließen sich noch endlos fortsetzen.

Geklärt haben wir das Vorhandensein unterschiedlicher Normen, welche die Grundlagen der Wahrnehmung und Be-Wertung einer Situation sind.
Diese Normen stehen in direktem Zusammenhang mit Kollektiven die direkt oder indirekt miteinander interagieren, komplex ineinander verschachtelt sind und sich zu „größeren“ Kollektiven organisieren unter Verallgemeinerung der Normen.
Geklärt haben wir die Thematik des Bezugspunktes bei der entscheidend ist ob ich als Person, des kleinsten möglichen Kollektiv, oder als Teil eines Kollektivs agiere. Aus einem Kollektiv heraus wendet eine Einzelperson immer eine Mischung der kollektiven Normen an, welche aber primär durch die Person gewichtet werden.

Handlungs- und Ereignis-Ketten sind keine linearen Funktionen. Ereignissen gehen Ereignisse voraus welche selbst wieder Ausgangspunkt neuer Ereignisse sind.
Betrachte ich aus einer Handlungskette heraus die kleinste Einheit Aktion <-> Reaktion, so liegt noch eine Linearität vor, betrachte ich allerdings mehrere zusammenhängende Einheiten, so ist festzustellen, das sich die Linearität auflöst, die Handlungskette sich immer weiter verzweigt und mit anderen Handlungsketten zusammenschließt, oder sich auch wieder von anderen Handlungsketten löst. Je größer der betrachtete Abschnitt wird, desto chaotischer werden die die Zusammenhänge, welche dennoch ursächlich alle zusammengehören.

So, das soll für Heute erst einmal reichen.

Hier geht’s zum ersten Teil.
Hier geht’s zum dritten Teil.
Hier geht’s zum vierten Teil.

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