Eine aktuelle Expertenstudie des Bundesamtes für Sozialversicherungen der Schweiz zum Thema Prävention von Jugendgewalt kommt zu dem Schluss, das es keine einzelnen Ursachen für die Anwendung von Gewalt gibt,  sondern vielmehr das Ergebnis eines Zusammenspiels von verschiedenen Faktoren ist.

Trotz einer gesunden Skepsis, stehen wir mit unseren Überlegungen wieder am Anfang. Es sind wohl doch nicht die „Killerspiele“, die „Gotcha Camps“ und der Alkohol. Am einfachsen wäre es doch generell alles, was eine potentielle Gefahr darstellt zu verbieten. Da in Deutschland alles mit einer gewissenhaften Gründlichkeit erledigt wird muss man von den einschlägigen und bereits durchdachten Verboten von „Killerspielen“ und Gotcha Waffen einmal abgesehen eine Gefährdungsanalyse von Pflastersteinen, Glas, Holz und anderen Materialien durchführen um ggf. deren Inverkehrbringung zu unterbinden und deren Besitz und deren Beschaffung zu verbieten. Wenn nun jemand der Ansicht ist, das dies doch eine wenig überspitzt dargestellt ist, so hat er vollkommen Recht. Was ich nur immer wieder betonen kann ist, das wir Abstand von operativer Hektik nehmen müssen und zu einem gesunden Augenmass zurückkehren müssen, damit doch zumindest ein Mindestmaß an Objektivität und analytisches Denken noch möglich bleibt.

Ich möchte aber einmal eine vollkommen andere Idee mit in diese Diskussion einwerfen, und meiner bescheidenen Meinung nach lohnt es sich durchaus einmal darüber nachzudenken, weil es in erster Linie nicht den Blickpunkt auf die angeprangerten Jugendlichen wirft, sondern auf uns „Erwachsene“.

Gerade bei Jugendlichen sehe ich, wie auch viele andere Sozialwissenschaftler, die Notwendigkeit der Distanzierung von der Gesellschaft (Familie) um aus dieser entstehenden Distanz heraus überhaupt eine eigene Persönlichkeit entwickeln zu können, und in diesem Moment sind sie natürlich für alles empfänglich, was anders ist als das, was sie bereits in ihrem Leben kennen gelernt haben, oder gar aus ihrem Elternhaus her kennen.

Es ist die Distanz zur Institution Gesellschaft, deren Regeln sie quasi nicht hinterfragt befolgt werden wollen und dieses Hinterfragen bringt Erwachsene oftmals in eine Zwickmühle, weil sie ihr eigenes gesellschaftliches Verhalten in den seltensten Fällen schlüssig begründen können. Wie ist denn wohl eine Antwort „Das ist nun mal so“, oder „Das macht man nun mal so“ in einer solchen Situation zu bewerten? Ehrlich gesagt erzeugt es auch in mir den dumpfen Verdacht, das aus reinen Mechanismen heraus gehandelt wird, über schon gar nicht mehr nachgedacht wird. Diese Volkslethargie war es auch die mich als Jugendlicher dazu gebracht hat mich sozial zu engagieren, denn eines war klar: Als junger Bengel hatte ich nicht nur die Welt verstanden, sondern „ICH“ fühlte mich auch in der Lage diese Situation zu einem Besseren zu verändern.

Um sich zu distanzieren ist es aber notwendig sich genau gegen diese „ungeschriebenen“ Gesetze zu stellen, und sie zu hinterfragen. So muss zunächst einmal betrachtet werden, welche anerkannten ethischen und moralischen Werte unsere Gesellschaft ihr Eigen nennt. Da kommt schon unser erstes Hauptproblem. Was ist von ethischen und moralischen Grundsätzen in unserer „Erwachsenen-Gesellschaft“ noch übrig geblieben?

Um es einmal auf die Spitze zu treiben, ein dopender Sportler verkörpert nichts anderes, als das Prinzip der Leistungsgesellschaft in der lediglich der Erfolg zählt ungeachtet der dabei zu bringenden Opfer. Die zerstörte Gesundheit des Sportlers dürfen wir dabei durchaus als einkalkulierten Kollateralschaden betrachten.
Ähnliche Beispiele lassen sich aber ebenso in Politik und Wirtschaft finden.

Ist die Liberalisierung der Gesellschaft, die Fokussierung auf Leistung als alleiniges Identifikationsmerkmal des Individuum vielleicht sogar ursächlich für die zunehmende Bereitschaft Gewalt auszuüben mit verantwortlich?

Distanzierung muss sein, denn erst aus der Entfernung heraus betrachtet, aus der man sich selbst nicht mehr für persönlich betroffen hält kann sich die Persönlichkeit des Individuums frei entfalten, und diese Selbstfindung ist es auch bei der bekannte Mechanismen übernommen, oder verworfen oder aber auch neue Mechanismen geschaffen werden. Diese ständige Neuformung, die das Individuum in seiner Pubertät durchmacht ist das, was Gesellschaft lebendig und Wandlungsfähig hält. Gerade durch die Einnahme eines Kontrapunkts wird die gesamte Vielfalt der Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten erhalten.

Es kann nun aber auch passieren, dass aus der Entwicklung der eigenen Ideale heraus eine Struktur entsteht, die weder so geplant, noch so gewollt war.

Es scheint mit hier und da als eine verzweifelte Suche nach den Werten in der Wertlosigkeit.

Hier irgendjemandem eine Schuld zuweisen zu wollen wäre müßig, denn wir sitzen alle in einem Boot. Die Globalisierungsgegner mögen sich jetzt zwar in ihren andauernden Warnrufen bestätigt sehen, aber auch sie müssen sich ernsthaft fragen, ob sie nicht selbst, wenn auch indirekt davon profitiert haben, und sei es auch nur um sich als „Gegner“ zu präsentieren.

Wir sehen also, dass man es hier mit einem multifaktoriellen System zu tun hat, das so einfach sich nicht mit ein paar „sogenannten“ Stammtischparolen lösen lässt. Dieses Problem lässt sich auch nicht einfach auf die Politik oder unserer Ordnungskräfte abschieben. Vielmehr sind wir alle gefragt.

Es erinnert mich manchmal an den Zauberlehrling … Die Geister die ich rief werde ich nun nicht los.

Was mich tröstet ist das Wissen, das die Generationen durch die der gesellschaftlichen Wandel eine derartige Entwicklung erst ermöglicht haben nur in guter Absicht gehandelt haben.

Wenn für uns selbst keine ethischen und moralischen Grundsätze mehr gelten, deren Herleitung auch legitimiert ist, wie wollen wir es dann von unseren „Jugendlichen“ erwarten.

Hier geht’s zum ersten Teil.

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