Bei der Vorbereitung eines Vortrages stieß bei meinem Vorgesetzten die Formulierung „der spielende Betrieb“ auf Unverständnis. Nun, was das die Bedeutung des Wortes „Spiel“ angeht, so haben wir an zwei völlig unterschiedliche Dinge gedacht, die zwar mit dem gleichen Wort belegt sind, aber dennoch von völlig unterschiedlicher Bedeutung sind. Um unnötigen Diskussionen aus dem Wege zu gehen, habe ich die Formulierung dann doch geändert. Das wirft bei mir aber die Frage auf, was denn am Spiel eigentlich so schlimm sein soll?

In einer gänzlich ökonomisierten Welt hat mit dem „Erwachsen-werden“ das Spiel wohl als Methode des Lernens ausgedient, und ist fortan in seinem Wert negativ belegt. Es ist etwas, was mit Spaß und Ablenkung in Verbindung gebracht wird, also unnötig und nicht produktiv ist. Somit hat es gerade in der Arbeitswelt nichts mehr verloren und gehört daher in die Freizeit. In der Welt der Erwachsenen zählen nur noch Blut, Schweiß und Tränen, und es einmal etwas pathetisch zu formulieren. Das Leben hat aus Mühsal resultierender Leistung zu bestehen, und das es einfach Spaß machen könnte erscheint uns vollkommen irrational und entspricht nicht unserem Verständnis von Arbeit und persönlicher Entwicklung. Ein anderer Aspekt mag aber auch sein, dass ein Spiel immer ergebnisoffen ist, und somit auch ein gewisses chaotisches Element enthält, weil das Ergebnis eben nicht immer im Vorfeld kalkulierbar ist. Es mag ein deutsches Phänomen sein, das Leben mehr aus eine ergebnisorientierten Rationalität und Berechenbarkeit heraus zu betrachten, die den Menschen eher unterdrückt oder zumindest einschränkt, als das sie ihm die Freiheit der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit gewährt. Das führt mitunter zu sehr skurrilen Blüten, denn Spaß und die Freude werden mitunter (z.B. im Rheinland) ja geradezu schon verordnet. Karneval ist alles andere als ein „Spaß“, sondern es ist eine vollkommen ernste Angelegenheit. Es muss eben alles kalkulier- und berechenbar sein. Als gebürtiger Westfale blicke ich mit Erstaunen auf solche Phänomene. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Formel: „Fördern und Fordern“. Im Allgemeinen wird darunter verstanden für eine Leistung, unter Androhung von Sanktionen, eine Gegenleistung zu fordern. Die Sanktionierung richtet sich dann nach Art und Umfang der Gegenleistung. Es findet hier also eine Bewertung von Leistung und Gegenleistung von demjenigen statt, der dann über die Notwendigkeit von Sanktionen entscheidet. Kaum jemand käme auf die Idee, dass man Fordern nicht nur als ein „Befehl“, sondern auch als eine persönliche Herausforderung formulieren kann? Die Mechanismen sind dabei völlig unterschiedlich. Bei der Forderung handele ich um einer Sanktionierung zu entgehen, bei einer Herausforderung geht es um den Selbst-Beweis. Ob Motivation, Ehrgeiz und andere sich unter der Furcht vor Sanktionen besser entwickeln, das sei einmal dahingestellt. Von der Bildung eines Selbstwertgefühls einmal völlig abgesehen. Dabei ist „der spielende Mensch“ doch ein Ausdruck, der gerade bei den Aufklärern und den Humanisten bis ins 20. Jahrhundert hinein eine breite Verwendung findet. Man könnte jetzt schon bei Aristoteles anfangen, aber da wir ja das Volk der Dichter und Denker sind, sei hier F.W. Schillers Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ angeführt, bei dem die Menschwerdung des Menschen nur im Spiel geschehen kann.

Das Spiel bietet im Gegensatz zum geordneten Lernen aus Büchern die Möglichkeit der Reflexion des Erlernten. Das Lernen und die Rolle der Lehrenden beschäftigt seit geraumer Zeit auch die Philosophie. Ob man Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft (la gaya scienza)“, Kants Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung?“ oder Adornos „Erziehung des Menschen zur Mündigkeit“ nimmt, sie alle beziehen eine eher ablehnende Haltung zu einem regimentierten Bildungssystem, wie es bei uns jedoch üblich ist, als Einschränkung der Entwicklung des Individuums und seines Geistes. Es ließe sich noch wesentlich „böser“ formulieren, aber es ändert nichts an dem Phänomen einer Selektion von „Wissen“ in nützliches und unnützliches Wissen, wobei der Nutzen nicht vom einzelnen Individuum, sondern vom „System“, also von Außen vorgegeben wird. Die Bedeutung die auch von Pädagogen und Soziologen mit dem Begriff „Spiel“ verbunden werden haben ebenso wenig mit dem umgangssprachlichen „Spiel“ gemeinsam. George Herbert Mead, ein amerikanischer Soziologe, sah im Spiel das „Ausprobieren“ der Möglichkeiten in einer Sandkiste. Betrachten wir einmal ein wirklich altes Spiel: Das Schachspiel. Auf dem Spielfeld versammeln sich Fußtruppen, Reiterei, Türme und mehr, in geordneten Reihen zweier sich gegenüberstehender Parteien und warten darauf, dass jemand mit dem ersten Zug das Spiel beginnt. Spaß und Ablenkung sind nicht Sinn dieses Spiels. Es ist die Herausforderung zweier Geister und es dient der Schärfung / Training des Verstandes, der Vorausberechnung der Züge des Gegners. Es ist schlicht eine taktische Kriegsausbildung. Hier wird Krieg gespielt, und man kann die Auswirkungen seiner mehr oder weniger klugen Handlungsweise erfahren, ohne wirkliche Verluste erleiden zu müssen. Nicht zu Unrecht wird es daher „Das Spiel der Könige“ genannt. Das Prinzip lässt sich auf viele traditionelle Spiele ausweiten. Sie dienen auch dazu unterschiedliche „Rollen auszuprobieren“ um sich eine Situation auch aus diesem Blickwinkel heraus betrachten zu können. Eine Lernmethode, die mehr auf den persönlichen Ehrgeiz und der individuellen Entwicklung der Fähigkeiten des Einzelnen abzielt und jedem auch die benötigte Zeit gönnt ohne die Gefahr negativer Effekte. Vielleicht hat die Angst vor dem Spiel als Lernmethode und Methode der Entwicklung von Potentialen auch etwas mit der Angst um die eigene Position zu tun. Nicht jeder erhält die Chance in einer Sandbox Dinge auszuprobieren, zu experimentieren.

Die Ergebnisse können aber bestehende Herrschaftsstrukturen durchaus in Frage stellen. Für den Philosophen Herbert Marcuse war „der spielende Mensch“ die Horrorvision einer auf Herrschaft beruhenden Gesellschaft. Das experimentieren (spielen) mit den Möglichkeiten, die Chance über sich hinauszuwachsen, also „unkontrolliert“ zu lernen bringt eine nicht zu kalkulierende, ja geradezu chaotische Komponente in ein auf Herrschaft basierendes System. Wenn ich mir die Organisation moderner Wirtschaftsunternehmen betrachte, so erscheint es auch nachvollziehbar das eine „Berechenbarkeit“ des Systems gefordert wird, und die Abwesenheit von Spekulation für ein Unternehmen mitunter lebensnotwendig ist. Daher erscheinen auch die stringenten Gliederungen solcher Unternehmen von einer ungeheueren Rationalität. Chaotische Elemente können diese Rationalität gefährden. Hören wir auf zu spielen. Nur, wem nutzt das eigentlich?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.