In meinem Posteingang fand ich letztens eine Ankündigung für ein Seminar über die Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation.
Nun, der regelmäßige Leser wird ahnen, dass ich weder ein Anhänger des Idealismus bin, noch mit einem (semi-)esoterischen „Licht und Liebe“ etwas anfangen kann. Ich bin ein standhafter Anhänger des modernen Irrationalismus und die Verklärung der Verhältnisse bestätigt mich hier jeden Tag aufs Neue. Vermutlich tue ich dem Absender damit Unrecht, aber vor meinem geistigen Auge sah ich schon ausgiebiges Gruppenkuscheln, Räucherkerzen, meditative Musik … und alle haben sich lieb. Ein völlig abstruser Gedanke, der mir kalte Schauer über den Rücken laufen lässt.
Klar ist mir, dass dies jetzt keine „gewaltfreie“ Einleitung gewesen ist.

Was hat es also mit dieser gewaltfreien Kommunikation auf sich? Wo kann sie real existieren, und wo ist sie lediglich ein Blendwerk und Beruhigungsmittel für ein kleines bisschen Glücksgefühl oder Wohlbehagen?
Um es gleich einmal vorweg zu nehmen: Ich denke, das eine gewaltfreie Kommunikation durchaus möglich ist, sofern es nicht den Rahmen eines belanglosen Smalltalks überschreitet. Aber dort, wo Entscheidungen getroffen werden (müssen), dort wird immer „Gewalt“ in irgendwelcher Form mit im Spiel sein.

Klären wir aber dich erst einmal die Begrifflichkeiten:

Was ist denn eigentlich Gewalt? Ich möchte hier einmal den Gedanken von Max Weber folgen und Gewalt als Ausübung von, oder Verfügung über Verfügungsgewalt bezeichnen. Gewöhnlicherweise mag man hier zwar zuerst an physische oder psychische Gewalt, an Unterdrückung denken, aber im Alltag lässt sich überall Gewalt als Mittel der Herrschaft oder Mittel zur Ausübung von Macht finden. Das bedeutet wiederum aber auch, dass der Mensch nicht wirklich frei ist und auch nicht wirklich frei sein kann, weil man in der Regel immer versuchen wird „ drohende Gewalt“ zu meiden.

Macht bedeute nach Max Weber “ jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Macht setzt also nicht zwingend eine Legitimation voraus, es kann aber vorkommen, dass eine Legitimation durch die Ausübung von Gewalt eingefordert wird.

Herrschaft definiert Max Weber wiederum als Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“. Hier wird eine wie auch immer geartete Legitimation vorausgesetzt, und ein Gehorsam postuliert.

Dann fangen wir doch mal an zu kommunizieren:

Man kann nicht nicht kommunizieren, so lautet ein gängiger Spruch unter Soziologen, aber wie könnte also eine gewaltfreie Kommunikation in einer Gruppe aussehen?

Den allgemeinen Regeln der Diskursethik folgend gehen wir einmal theoretisch von einem herrschafts- und machtfreien Diskurs aus. Dem Argument folgt ein Gegenargument, persönliche Befindlichkeiten und emotionale Empfindungen weichen hier der unbarmherzigen und nackten Rationalität. Letztlich ist der Sinn und Zweck eines Diskurses ein Ergebnis hervorzubringen, welches einen Konsens erfordert. Zum einen ist es wirklich fraglich, ob es einem Menschen gelingen wird Emotionen und persönliche Betroffenheiten völlig auszublenden, weil Emotionen nun einmal zur menschlichen Existenz dazugehören. Zum zweiten stellt sich die Frage ob wir hier von einem einstimmigen Konsens reden, oder von einem demokratischen Konsens.

Wenn wir auf einen einstimmigen Konsens hoffen, was sicherlich ein Ideal wäre, so dürfte man jedoch in den seltensten Fällen überhaupt jemals zu einer Entscheidung kommen.
Wenn ein Konsens mit einer demokratischen Mehrheit ausreicht, dann stehen wir vor dem Problem, das der Wille der Mehrheit auch gegen Widerstreben der Minderheit durchgesetzt wird (vg. Macht). Die Entscheidung mag hier zwar akzeptiert werden, weil man ihre Legitimität anerkennt, also einen Gehorsam vorfinden wird (vgl. Herrschaft), was aber nichts daran ändert, das über die Minderheit verfügt wird.

Kann Demokratie daher überhaupt „gewaltfrei“ sein? Auch hier ein klares Nein von meiner Seite, denn wir reden in unserem demokratischen Staatssystem ja auch von einer Gewaltenteilung. Wir haben die Verfügung über Verfügungsgewalt in die Bereiche Legislative, Exekutive und Judikativer gesplittet. Die zu dem einzigen Zweck die Verfügungsgewalt in einem sich selbst überwachenden und reflektierenden System möglichst breit zu streuen, um die Entwicklung und unkontrollierbare Ausübung von Macht zu verhindern.

Man kann es höflich formulieren mit „Hegels“ Einsicht in die Notwendigkeit, oder dem Pathos der Demokratie … aber es ist nun Nachzuvollziehen warum Aristoteles ein funktionierendes Gemeinwesen nur bis zu einer Größe von 10.000 Menschen für möglich hielt. Steigt die Anzahl, so empfahl der die Bildung von Kolonien. In einer Demokratie können wir daher von einer „kontrollierten und legitimierten Gewalt“ reden. Diese Kontrolle wird jedoch umso schwieriger je anonymer eine Gesellschaft wird, weil dann die sozialen Kontrollfunktionen nicht mehr greifen, weil ein Mindestmass an Vertrauen und „Zusammengehörigkeitsgefühl“ vorauszusetzen ist.

Letztlich halte ich daher eine gewaltfreie Kommunikation für eine Utopie, und wir haben es im Laufe unserer Erziehung und Sozialisation über viele Generationen gelernt Gewalt zu ertragen und sie nicht mehr als solche zu empfinden. Entscheidungen, die nicht der eigenen Meinung, oder dem eigenen Empfinden entsprechen werden aufgrund einer Anerkennung akzeptiert. Es dürfte daher auch nur sehr wenige Menschen überhaupt geben, die mit Fug und Recht von sich behaupten können, das niemand über sie die Verfügungsgewalt besitzt, oder darüber verfügen kann.
Diese legitimierte Akzeptanz von Gewalt ist jedoch eine Gratwanderung. Bis zu welchem Grade sind die Granzen der Legitimität gewahrt, und wo werden sie aufgeweicht oder gar überschritten. Die „Aufsicht“ oder Kontrolle der Ausübung von Gewalt obliegt der Gesellschaft. Sie hat, zumindest in demokratischen Systemen auf die eigene Ausübung von Gewalt verzichtet und sie an die drei unterschiedlichen Instanzen delegiert. Diese Übereinkunft hat Ethik, Moral und andere Wert- und Vorstellungen als Grundlage, die aber einem Wandel unterworfen sind. Ebenso sind in einem Diskurs alle Teilnehmer der gegenseitigen Kontrolle der Einhaltung der Übereinkünfte verpflichtet, ansonsten drohen Sanktionen (womit wir wieder bei der Gewalt angekommen wären) und/oder der Verweis an eine „höhere“ Instanz, wie z.B: der Gerichtsbarkeit. In System selber steckt also bereits ein gewisses Maß an struktureller Gewalt. Daran ändert auch eine Legitimation nichts.

In der aktuellen politischen Lage könnte man durchaus darüber nachdenken, ob bei Wahlbeteiligungen von unter 50% überhaupt noch eine vom Souverän legitimierte Regierung existieren kann, denn eine Minderheit besitzt die Verfügungsgewalt über die Mehrheit …

Verrückte Welt!

 

Ein Kommentar zu “Gewaltfreie Kommunikation – Eine Utopie?

  1. Folgende Mail erreichte mich zum Thema:

    Hallo Herr Berkenkamp,

    ich biete auf Bambiona.de ein E-Book mit dem Titel „Kindererziehung“ zum kostenlosen Download an.
    Da ich bei meiner Themen-Recherche auch Ihre Webseite gefunden habe, dachte ich, das könnte Sie interessieren. Wäre es möglich, dass Sie meine Webseite bzw. das E-Book verlinken?

    Viele Grüße, Jessica Thomas

    Aber natürlich mache ich das, ist doch Ehrensache :-)

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