Zunächst mal ein paar Literaturhinweise, von denen ich denke, dass sie den Hintergrund ein wenig beleuchten könnten. Das ist zum einen Herbert Marcuse: „Das Salzburger Humanismus Gespräch „ und zum anderen Max Weber: „Wirtschaft und Gesellschaft“ hier insbesondere die Ausführungen zu geschlossenen Beziehungen.

Im Vorfeld der Wahl wurde immer von der sedierten Republik gesprochen und welchen Anteil die Kanzlerin Angela Merkel daran hat. Das ist sehr leicht gemacht, denn dazu gehören immer zwei Seiten. Derjenige der sediert und derjenige, der sich sedieren lässt. Ich würde es hier eher als kontrollierte Kolonnentrance, oder Schwarmverhalten bezeichnen. Schwärme regulieren sich auf der Basis einfacher Regelwerke und besitzen einen Eigenwert – Das Ergebnis sind so herrliche Dinge wie das Schwimmen im Kreis, oder eine La-Ola Welle – Ein Zustand, in den sich die „Gesellschaft“ – aus gutem und verständlichem Grund – selbst hineinbegeben hat.

Warum?

1. Die Auflösung der „Gesellschaft“

Ich habe hier nicht ohne Grund das Wort „Gesellschaft“ in „Gänsefüßchen“ gesetzt, weil ich mir nicht mehr sicher bin, ob wir heute noch von Gesellschaft im klassisch-humanistischen Sinne reden können. Gabriel De Tarde bezeichnete die Vergesellschaftung als Stillstellung von Streit, die jedoch nur dann funktionieren kann, wenn die Gefahr eines Streits virulent vorhanden bleibt – man also immer wieder aufs Neue gezwungen ist zu verhandeln, zu reflektieren und einen Konsens zu bilden.
Was wir seit Ende der 80’er erleben ist eine Entwicklung zur Individualität als höchstem Gut der Gesellschaft, was zwangsläufig dazu führt sich selbst gegen Dritte durchzusetzen, die meine Individualität – und zwar in sämtlichen Lebensbereichen – beschränken könnten, oder wollen.
Das führt mitunter zu unsäglichen Diskussionen – nicht mit dem Ziel einer Übereinkunft, sondern es geht hier einzig um Sieg oder Niederlage. Damit ist der Vergesellschaftung im klassisch-humanistischen Sinn jedoch die Grundlage entzogen. Reduziert wird sie Heute lediglich auf eine rein materielle Basis. Die Entwicklung der Gesellschaft (die mittlerweile auf eine rein materielle „Versorgung“ reduziert wird) wird der Staatsorganisation zur Aufgabe gemacht – quasi als Dienstleister, die mittels Steuern finanziert wird, das Individuum damit aller eigenen Verantwortlichkeit entbindet, weil dies immer auch eine nicht tolerierbare Einschränkung der persönlichen Individualität und Freiheit bedeuten würde.

Wir haben uns mittlerweile eine ganze Generation mit „spitzen“ Ellenbogen „herangezüchtet“, wobei die Ausrichtung der Bildungsinstitutionen auf Nützlichkeit und betriebswirtschaftlicher Verwertbarkeit ihrer „Produktion“ von Schülern und Absolventen hier sein Übriges getan hat.

2. Die Auflösung von öffentlichem und privatem Raum

Nicht zuletzt durch die Möglichkeiten moderner Kommunikationsmittel hat sich der öffentliche Raum mit dem privaten Raum vermischt und die Grenzen sind heute nicht mehr klar auszumachen. Es hat sich jedoch eine Kultur entwickelt, die vielleicht getrieben durch den „Zwang“ zur Individualisierung, den öffentlichen Raum immer weiter zurückdrängt, oder besser gesagt den öffentlichen Raum immer weiter privatisiert. Als Anhaltspunkt beziehe ich mich hier auf Jürgen Habermas und seine Theorie des kommunikativen Handelns. Das Auftreten des Individuums im öffentlichen Raum ist keiner Etikette mehr unterworfen, die einen (herrschaftsfreien) Diskurs ermöglichen würde. Das klassische Modell: These -> Antithese -> Synthese funktioniert heute nicht mehr, weil die Aufgabe der eigenen Position zugunsten eines Konsenses sowohl privat, als auch öffentlich als Niederlage zu betrachten ist.

3. Die Verlagerung von Risiken und Ängsten in das Aussen

Globalisierung, Finanzkrise und dergleichen sind derart Komplex und für den Einzelnen nicht mehr nachvollziehbar und verständlich. Dinge die weder kalkulierbar noch in ihren möglichen Ursachen und Wirkungen verstanden werden, provozieren Angst und bergen die Gefahr von Veränderungen. Veränderungen bedrohen aber immer auch das Individuum und lassen es in einer Ungewissheit zurück die Ängste produziert. Die „geschlossene Gesellschaft“ bietet diese Sicherheit, auch wenn sie eine Gefahr für die freiheitlich demokratische Grundordnung bedeutet.

Auswege?

Um es ehrlich zu sagen – Ich weiß nicht ob es in den gegenwärtigen Verhältnissen überhaupt einen Ausweg geben kann, da ich als Anhänger von Schopenhauer und der Frankfurter Schule nicht an die Lernfähigkeit von Gesellschaften glaube, sofern nicht ein existenzbedrohlicher Zustand für dieselbe eintritt. Ob man es daher schaffen wird die Menschen, ebenso wie die politischen Parteien, wieder dazu zu bewegen „Farbe“ zu bekennen, sie ihrer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft wieder bewusst zu machen, das Freiheit und Demokratie immer wieder neu erstritten werden wollen, die Menschen wieder dazu zu bewegen in einen Diskurs über die Verfasstheit der Gesellschaft zu bringen in der man leben möchte … wäre eine schöne Utopie – und um es mit den Worten Marcuses zu sagen: „Das Einzige, was heute noch Utopie sein sollte, sind die bestehenden Verhältnisse.“

Fazit:

Inwieweit sich die Parteien durch die Möglichkeit einer Machtoption getrieben immer weiter von ihren eigentlichen Wurzeln entfernen, wird sich ebenso zeigen, wie die Möglichkeit durch das Beschreiten neuer Wege Mut zur Veränderung und zur Verantwortung zu beweisen. Mit ersterem hat die SPD im Rahmen der großen Koalition eine bittere Erfahrung gemacht – hieraus aber nichts gelernt (vgl. Nietzsche: Wille zur Macht). Soziologisch betrachtet hat die „Gesellschaft“ schon längst realisiert, dass ein Damoklesschwert über ihr schwebt. Dies wird jedoch geflissentlich ignoriert – oder mit einem „mehr“ an scheinbarer Individualität kompensiert wird.
Die Ergebnisse der Landtagswahlen und Hessen und der Bundestagswahl waren daher sehr wohl berechenbar. CDU und SPD, welche die“ geschlossenen Gesellschaft“ am Meisten verkörpern, haben in Summe mehr als 2/3 der Menschen hinter sich versammeln können. Die anderen Parteien, die eine Gefahr der bestehenden „Ordnung“ darstellen …. also eine Veränderung bedeuten, haben einen wesentlich geringeren Zuspruch erfahren. Auch das Abschneiden der Piraten ist somit nicht verwunderlich … weil aus einer Ansammlung Individualisten mit dem Willen zur Macht sich nur schwerlich ein „WIR“ zaubern lässt. Somit wird es auch schwer einen Identifikationspunkt zu finden.

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