… und schon bist du ein Rassist, oder wie die Zeiten sich ändern.

In einer Diskussionsrunde zum Thema „Transformation des Kapitalismus“ des Südwestrundfunks aus dem Jahr 1965, diskutierten die Professoren Helge Pross, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse über die Zukunft und Transformation des Kapitalismus.

Im Laufe des Gespräches kam die Frage auf, ob die „Neger“ an sich nicht eine Klasse darstellen, aus der sich ein revolutionäres Potential entwickeln könnte. Alle Diskussionsteilnehmer nahmen das Wort „Neger“ mit einer Selbstverständlichkeit in den Mund, wie sie heute nicht mehr vorstellbar ist.

1965 wäre niemand auf die Idee gekommen die Diskussionsteilnehmer als Rassisten zu titulieren, und das nicht nur weil die Menschen Respekt vor diesen großen Denkern der deutschen Nachkriegsgeschichte und ihrem Oeuvre haben, sondern weil sie auch wussten, das Adorno und Marcuse selber vor dem Naziregime aus Deutschland fliehen mussten. Beide haben am eigenen Leibe erfahren, was Rassismus bedeutet.

Ich überlege gerade wie heute die sozialen Medien auf diese Diskussion reagieren würden, in einer Zeit in der man sich ernsthaft überlegt die Klassiker der deutschen Literatur „sprachlich zu bereinigen“.

Ich bin mir sicher, dass heute über alle Beteiligten ein riesiger Shit-Storm hereingebrochen wäre, weil der Gebrauch des Wortes „Neger“ bereits ein rassistischer Akt ist, der entsprechend kommentiert werden muss. Ebenso würde man heute der Gesamtheit der Zuhörer, die diesen rassistischen Akt nicht kommentiert haben, eine unterschwellige faschistische Einstellung unterstellen.

Ist die Welt wirklich so einfach geworden?

Auch dieser Text ist sprachlich nicht sauber und bietet ausreichend Anhaltspunkte mir rassistisches und frauenfeindliches Gedankengut zu unterstellen.

Welcher Nutzen entsteht denn eigentlich aus einem solchen Shit-Storm und vor allem für wen?

Die sozialen Medien sind eine große Bühne auf der man sich produzieren kann, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Natürlich suchen wir alle nach Aufmerksamkeit und Anerkennung durch Andere, aber zu welchem Preis? Es ist immer wieder spannend zu beobachten mit welcher Geschwindigkeit sich eine an sich entgrenzte Gesellschaft an einem Thema hochziehen kann, was mitunter sogar zu einem Wettlauf der Diskreditierung ausartet, zu einem Wettkampf um die meisten „likes“. Das sind die neuen Wertmaßstäbe in der medialen Welt.

Ich will hier beileibe keine Rechtfertigung für rassistisches oder menschenverachtendes Wort- und Gedankengut liefern, aber ein Shit-Storm wird nichts daran ändern.

Um tatsächlich eine Änderung im Denken und Handeln der Menschen zu erreichen, bedarf es der kritischen Auseinandersetzung – was aber auch beinhaltet, dass in einem alten Kinderbuch ruhig Neger stehen darf, denn das Wort an sich hat erst einmal keine rassistischen Konnotation. Es sind die Gedanken und Taten der Menschen, die einem Wort eine rassistische Konnotation geben.

Ohne Frage gibt es gerade in Deutschland eine Vielzahl an Worten, die durch ihren ideologischen Missbrauch als verbrannt anzusehen sind, und ebenso wird es immer wieder Worte geben die durch ihren ideologischen Missbrauch verbrannt werden. Diese Worte als Konsequenz aus dem Sprachschatz zu tilgen erspart uns nur die kritische Reflektion mit der eigenen Geschichte.

Meine Arbeitshypothese: „Organisationen und Gesellschaften sind nicht lernfähig“,  sollte ich um „Lernunwilligkeit“ erweitern.

Mir erscheint es wie das Versteckspiel von Kleinkindern, die sich die Augen zuhalten und fest daran glauben, dass sie nun von Anderen auch nicht mehr gesehen werden können.

Die bisweilen festzustellende Paranoia und die große Schar derjenigen, die sich quasi für einen Kreuzzug berufen fühlen, sind der Sache an sich nicht dienlich, denn sie befriedigen lediglich ihre eigenen Bedürfnisse.

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